Kein Jazz ohne Geld

März 12th, 2010 von Jazz or No

…ein persönlicher Erfahrungsbericht

Alles begann mit einer Unterschriftenaktion innerhalb des Weiterbildungsstudiengangs Jazz und Popularmusik im Frühjahr 2009, an der sich Dozenten und Studenten gleichermaßen rege beteiligten und welche an die Hochschulleitung gerichtet war. Auserkorenes Ziel: eine Verbesserung der derzeitigen Bedingungen und Beantwortung der bisher ungeklärten Frage, warum der damalige Aufbaustudiengang ein ach so jähes Ende nahm.

Nach mehreren Versuchen seitens der Hochschulleitung, unsere Bemühungen um ein persönliches Gespräch im Keim zu ersticken, fanden wir uns tatsächlich nach mehreren Monaten  Terminvereinbarungsmarathon im Sitzungszimmer des Präsidenten Thomas Rietschel wieder.  Tatkräftig in unserem Anliegen unterstützt fühlten wir uns  an diesem Tag von Prof.  Sagmeister und Prof. Spendel, die konstruktiv versuchten, gemeinsam Lösungsansätze für “unser” Problem zu finden und mit unserer Meinung nach schlagkräftigen Argumenten aufwarten konnten.

Zuerst legten wir den lang gehegten Wunsch seitens Studenten und Dozenten zur Rückkehr eines Aufbau-Studiengangs vor. Präsident Rietschel war im Allgemeinen sehr freundlich, betonte allerdings insistierend, dass das Konzept der Hochschule momentan einen solchen Studiengang nicht vorsehe. Daran möchte man auch künftig nichts ändern. So steht es auch in dem uns anschließend zugesandten Protokoll geschrieben. Weiterhin macht er im Gespräch – das im Hinblick auf die Eingangsfrage eher einseitig stattfand – darauf aufmerksam, dass man die ohnehin gesetzten Schwerpunkte “Alte Musik” und “Pädagogik” an der Hochschule weiter vertiefen möchte.

Brutstätte für junge Musiker: die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main

Er persönlich habe nichts gegen Jazz. Aber leider fehle dazu der Hochschule das Geld. Geld, das man nicht habe.  Dazu müsse man schließlich eine ganze (!) Professur finanzieren.  Wir alle müssten mit den derzeitigen Kürzungen zurecht kommen, unter der gerade ein jeder leidet. Jazzmusiker hätten ohnehin schlechte Berufsaussichten.  Auf den Vorschlag, entsprechende Förderung, z. B. mit der eigens für solche Belange zur Verfügung stehenden Fundraiserin der Hochschule, zu beantragen, wolle man – Gründe wurde keine genannt – nicht eingehen.  Sowieso bewege sich die Hochschule mit diesem Studiengang, wie er jetzt existiere, “fast schon am Rande der Legalität“. Damit war das Gespräch soweit  “erledigt”. Weiterhin wurden noch inhaltliche Verbesserungsvorschläge des derzeitgen Weiterbildungsstudienganges diskutiert, wie z. B. eine Aufklärung über die vorherrschende Struktur vor Antritt des Studiums,  etwa durch eine entsprechende Darstellung in der Öffentlichkeit innerhalb von Werbemaßnahmen, oder die Möglichkeit, die hochschuleigene Bibliothek und Übungsräume  ohne Umwege nutzen zu können. Zugegeben, diese Umstände haben sich erfreulicherweise nach der Zusammenkunft positiv verändert.

Doch was ist mit der aufgekommenen Behauptung, ein Jazz- und Popularmusiker habe keine Perspektiven? Definitiv hat ein Musiklehrer an einer Staatlichen Schule die besten Verdienstmöglichkeiten und die größtmögliche Sicherheit. Daher ist ein Schwerpunkt im Fach Pädagogik an der Hochschule sinnvoll. Doch möchte nicht vielleicht auch  ein Schulmusiker seine Jazz-Pop-Kenntnisse erweitern? Das wäre zumindest in unserem heutigen Zeitalter, in dem Popularmusik einen großen – wenn nicht gar DEN größten Stellenwert – bei jungen Heranwachsenden einnimmt, keine schlechte Idee.

Hat man als Absolvent der Alten Musik tatsächlich mehr Chancen, einen Job zu finden als ein Jazzer?

Finden wir es heraus…im nächsten Beitrag….”zum Taxifahren verdammt?”

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4 Kommentare

  1. Horst Grabosch Sagt:

    Zitat: “Hat man als Absolvent der Alten Musik tatsächlich mehr Chancen, einen Job zu finden als ein Jazzer?”

    Die Chancen im Musikerberuf sind von anderen Dingen abhängig, als von der Etikettierung. Im Berufsleben spielt die Art der Ausbildung eigentlich keine so große Rolle mehr, sondern die Leistung und die Positionierung in seinem Beruf. Gleichwohl bin ich schockiert und überrascht, dass die Jazz/Pop-Ausbildung in Frankfurt gar nicht mehr Teil des offiziellen Hochschullebens ist.

    Natürlich gehört ein solcher Studiengang an jede ernstzunehmende, allgemeine Musikhochschule. Und das nicht nur als Aufbaustudiengang, sondern als eigenständiger Bachelor- oder Diplomstudiengang. Wer sich einen solchen Studiengang als nicht tragfähig vorstellen kann, dem erteile ich gern Nachhilfeunterricht.

    Mit dem richtigen Ansatz an Zusatzqualifikationen in Berufskoordination und Marketing (da hapert es momentan noch überall!) sind die Erfolgsaussichten nicht schlechter, als in jedem anderen Musikbereich. Da die Subventionssense ja überall angesetzt wird, sehe ich eher für die klassisch geschulten und auf ‘Stellen’ fixierten Studenten schwarz.

    Das mit den Perspektiven von Jazzmusikern und Verdienstmöglichkeiten von Musiklehrern würde ich so nicht unterschreiben. Viele ehemaligen Kollegen von mir würden das eher anders herum sehen. Gerade im Moment machen viele, jüngere deutsche Jazzmusiker beachtliche, internationale Karrieren. Und in den TV- Showbands beispielsweise verdienen hochkarätige Jazz/Pop-Musiker sehr gutes Geld.

    So mancher Berkeley-Student aus den USA würde gern mit den deutschen Kollegen tauschen. Also die Jazz-Jammernummer, womöglich noch in Verbindung mit ‘Kulturauftrag’, ist so gar nicht mein Ding! Kurz: Der Markt für gut ausgebildete Jazz/Pop-Studenten steht in seiner ganzen Fülle bereit. Sollte ein Hochschulkanzler das anders sehen, so gehört er nicht auf seinen subventionierten Sessel. Soll er doch ein privat finanziertes “Institut für die museale Pflege alter Musik” gründen.

  2. Jonas L. Sagt:

    Wie soll denn ein Musikpädagoge ohne zumindest grundlegende Kenntnisse (praktisch wie theoretisch) in Jazz- und Popularmusik heute adäquaten Unterricht anbieten? Solche Musiklehrer haben m.E. keine Perspektive …

  3. Awero Sagt:

    Die Anforderungen an den modernen Instrumentalunterricht sind vielschichtig. Die Lernenden wünschen sich häufig professionelle Anleitung beim Erwerb von popularmusikalischen Fähigkeiten. Die Mehrzahl der jugendlichen Neuanfänger fragt nach Popmusik. Idole sind nicht Glen Gould oder Eliot Fisk, sondern Namen wie Slash oder Pink werden nachgefragt. Musiker, die sich der Möglichkeit, Jazz- und Popmusik weiterzugeben gegenüber verschließen, sind meiner Einschätzung nach nicht für den Unterricht der Zukunft gerüstet. Für Hochschulen gilt das in ganz besonderem Maße. Jazz -und Popularmusiker auszubilden bietet eine große Chance, auch weiterhin breitgefächert kulturelle Inhalte zu vermitteln. Das Schmalspurdenken “Alte Musik ist der Weisheit letzter Schluss” kann da nur als Unvermögen interpretiert werden, den Anforderungen einer modernen Gesellschaft zu entsprechen.

  4. Eva Mittmann Sagt:

    Es gibt noch viel zu bewegen.
    Man sollte sich deshalb um einflussreiche Unterstützung bemühen und sich direkt an Dr. Roland Kaehlbrandt, den Leiter der Polytechnischen Gesellschaft wenden. Die Polytechnische Gesellschaft unterstützt nämlich beispielsweise zehn Jazzprojekte an Frankfurter Schulen: http://www.sptg.de/schuljazz.aspx.
    Hintergrund dieser Projekte ist es, Jazz als kulturelles Erbe Frankfurts zu bewahren.
    Zitat:
    “Nach dem zweiten Weltkrieg trug Frankfurt den Titel „Jazz-Hauptstadt der Republik“. Hier wurde 1953 das älteste deutsche Jazzfestival ins Leben gerufen und hier war die Heimat berühmter Jazzgrößen wie Emil und Albert Mangelsdorff. Noch heute gibt es in Frankfurt eine aktive Jazzszene mit vielen Veranstaltungen und Einrichtungen. Mit dem Aufschwung anderer Musikrichtungen verlor der Jazz jedoch auch in Frankfurt an Bedeutung und ist inzwischen vor allem bei jungen Menschen wenig bekannt. Dabei bietet Jazz aufgrund seiner spielerischen und individuellen Form, seines Rhythmus‘ und der gemeinsamen Wurzeln mit Rock- und Popularmusik viele Anknüpfungsmöglichkeiten gerade auch für jüngere Zielgruppen.”

    Es ist schlicht absurd, dass die Hochschule sich einerseits die Förderung von Jazz und improvisierter Musik auf die Fahne schreibt, indem das Projekt “Schuljazz” durch die Hochschule fachlich begleitet und unterstützt wird und andererseits der Ausbildungsgang gestrichen werden soll!
    Umso absurder erscheint eine solche Entscheidung vor dem Hintergrund, dass das große Potenzial durch die hohe Qualifikation der Dozenten des Studiengangs in Zukunft ungenutzt bleiben soll:
    Wenn der Ausbildungsgang gestrichen werden sollte, müssten nämlich die Studierenden auf „einen der führenden zeitgenössischen Musiker des Jazz in Europa“ verzichten: Michael Sagmeister, der seit 1999 als Professor an der Hochschule unterrichtet. Das wird sich für das Renommee der Hochschule als absolut schädlich erweisen.
    Seit Ende März ist unsere neue Bildungsdezernentin Sarah Sorge im Amt. Es wäre gewiss interessant zu hören, was sie zu diesem Thema zu sagen hat.

    Eva Mittmann (Musiklehrerin/Doktorandin)