Jazz or no – eine Zusammenfassung

Oktober 27th, 2011 von Jazz or No

Zur Ausbildungssituation junger Jazzmusiker in Frankfurt

Der Jazz nimmt in Hessen seit jeher eine herausragende Position im Kulturbetrieb ein: Das Albert-Mangelsdorff-Archiv in Frankfurt, das Jazz-Institut in Darmstadt oder die Bigband des hr – dies sind nur wenige Beispiele, die die Vielfalt in diesem Bereich dokumentieren. Auch kann man als Jazzmusiker in Hessen so Einiges an Fördermöglichkeiten erhalten. Neben der Open-Air-Konzertreihe „Jazz im Hof“, unterstützt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, gibt es den „hessischen Jazzpreis“, der in diesem Jahr an den 71-jährigen Klarinettisten und Bandleader Reimer von Essen ging. Jüngere Musiker können z. B. vom Arbeitsstipendium Jazz der Stadt Frankfurt profitieren. Auch der Verein „Kultur in der Fabrik e. V.“ veranstaltet das Projekt „jazzlab“, bei dem Vertreter der alten Garde jeweils eine Nachwuchsformation coachen und sie anschließend bei einem Konzert auf der Bühne präsentieren. Nun stellt sich die Frage, die zwangsläufig gestellt werden muss: Wo kommen diese, vor allem jungen, Jazzmusiker her?

"Jazzstadt" Frankfurt am Main

Die alten „Mucker“, die früher die hiesige Jazz-Szene     aufmischten, haben oft schon ihren Zenit überschritten. Doch warum sind eigentlich junge Talente so rar? Gibt es zu wenig Anreize für den musikalischen Nachwuchs? Fehlt die Förderung? Immerhin existierte 1928 bis 1933 in Frankfurt die erste Jazzklasse bundesweit.

Die einzige staatliche Hochschule in Hessen, an der ein derartiges Studium möglich wäre, ist die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Hier sollte es also auch – so könnte man meinen – einen adäquaten Studiengang geben, der Jazz-Talente fördert und neue Fachgrößen heranbildet. In den 1990er Jahren gab es dort immerhin einen Aufbau-Studiengang „Jazz- und Popularmusik“ unter der Leitung des bedeutenden Jazz-Vibraphonisten und -Pianisten Professor Karl Berger, der die maßgeblichen Entscheidungen traf. Die Jazzausbildung war umfassend und stieß auf regen Zuspruch. Von vielen Studenten wurde gerade die pädagogische Zusatzqualifikation sehr geschätzt. Die Studierenden brachten zumeist eine klassische Musikausbildung mit. Auf dem vielseitigen Stundenplan standen ein instrumentales Hauptfach, ein Nebenfach, Jazzgeschichte, Methodik und Didaktik, Harmonielehre und Gehörbildung, Ensemblearbeit, Tonstudio, Bigband und Arrangement-Unterricht. Bei einer durchschnittlichen Dauer von 4-5 Semestern konnte zum Schluss durch eine Prüfung ein Diplom erworben werden. Eine Umfrage unter damaligen Studenten ergab, dass alle Befragten die Ausbildung im Nachhinein als sehr lohnenswert betrachten. Viele von ihnen wenden heute in ihrem Alltag als Musiker oder Musiklehrer das im Jazz-Studiengang Erlernte häufiger an als das aus dem klassischen Bereich. Manche arbeiten ausschließlich im Bereich Jazz- und Popularmusik.
Doch durch das Ausscheiden Professor Bergers im Jahre 2000 veränderte sich die Situation grundlegend. Seine Stelle wurde zwar erneut ausgeschrieben, jedoch nie wieder besetzt, der gesamte Studiengang auf Anordnung der Hochschule „eingefroren“ – bis einige Lehrende der Jazz-Abteilung beschlossen, in einer Art Eigeninitiative den so genannten Weiterbildungsstudiengang „Jazz- und Popularmusik“ ins Leben zu rufen. Was war nun anders?

Die jetzigen Teilnehmer sind weder immatrikuliert, noch genießen sie sonstige Vorzüge eines Studentenstatus’, wie beispielsweise ein Semesterticket der Frankfurter Verkehrsbetriebe. Trotzdem kommen viele von weit her – Teilnehmer aus Köln oder München sind keine Seltenheit. Die Inhalte sind jedoch bis auf 11 Semesterwochen geschrumpft. Die Kosten: 3000 Euro für 4 Semester. Am Ende erhalten sie kein Diplom, sondern lediglich ein Zertifikat.
Was nahezu gleich geblieben ist, sind die Dozenten. Hier lehren renommierte und international tätige Musiker, wie der Gitarrist Prof. Michael Sagmeister, der Pianist Prof. Christoph Spendel, der Posaunist Allen Jacobson, die Sängerin Annette Marquard oder der Jazz-Geiger und Musikwissenschaftler Dr. Gerhard Putschögl. Allein in dieser hochkarätigen Besetzung steckt eine Menge ungenutztes Potential. Dass die Jazzausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst nämlich Früchte trägt, ist unverkennbar. Ehemalige und aktuelle Studenten der Hochschule kommen offenbar viel rum – und gewinnen Preise. Gewinnerin des Arbeitsstipendiums Jazz der Stadt Frankfurt 2007 und ihres Zeichens Absolventin des ehemaligen Aufbaustudienganges Jazz- und Popularmusik ist beispielsweise die Pianistin Yelena Jurayeva. In den Folgejahren spielten Sprösslinge der Hochschule in den Gewinner-Ensembles mit – ganz nebenbei wandern letztere nun in Städte anderer Bundesländer ab, um dort Jazz studieren zu können.
Anfang dieses Jahres hat die Hochschule beschlossen, auch den Weiterbildungsstudiengang zu streichen, mit der Begründung, seit 2009 unterliegen die Hochschulen dem so genannten „Gemeinschaftsrahmen für staatliche Beihilfen für Forschung, Entwicklung und Innovation“ der Europäischen Kommission. Damit falle, so Kanzlerin Angelika Gartner, die staatliche Finanzierung von wirtschaftlicher Tätigkeit unter das Beihilfeverbot, während die staatliche Förderung von nichtwirtschaftlicher Tätigkeit weiter zulässig bliebe. Infolgedessen müssten die Hochschulen beide Tätigkeitsformen in Bezug auf Kosten und Finanzierung eindeutig voneinander trennen. Das Weiterbildungsangebot sei demnach eine „wirtschaftliche“ Tätigkeit, die nicht subventioniert werden dürfe. Zudem habe leider die Prüfung der Finanzsituation des Studiengangs ergeben, „dass dieser Studiengang in nicht unerheblichem Maß durch öffentliche Mittel subventioniert wird und eine Änderung dieser Lage ohne massive Steigerung der Studiengebühren nicht möglich ist.“ Ein Beleg über die Finanzierung wurde nicht vorgelegt. Den Vorschlag einiger Studenten in einem Gespräch mit Präsident Rietschel, das bereits 2009 erfolgte, entsprechende Förderungsmöglichkeiten zu beantragen, wies dieser ohne Begründung ab. Anzumerken ist in diesem Zusammenhang auch, dass Studenten der genannten Fachrichtung die von der Hochschule zur Verfügung gestellten Leistungen stets beklagten, z. B. was die Zuweisung der Räumlichkeiten etc. betraf.

Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt

“Nach intensiver Beratung der Angelegenheit“ hatte man jedoch dann doch genehmigt, „den derzeitigen Studierenden den Abschluss zu ermöglichen und den Studiengang bis einschließlich Sommersemester 2012 für Sie fortzuführen.” Hierfür entschied sich die Hochschule, nachdem die Studierenden in einem Gespräch nachdrücklich darum gebeten und geschildert hatten, welche einschneidenden Folgen die Einstellung des Studiengangs für jeden von ihnen persönlich hätte. Nicht nur mit der Streichung des Aufbaustudienganges, sondern nun auch mit der des Weiterbildungsstudienganges wurde interessierten Talenten die letzte Möglichkeit genommen, an einer hessischen Hochschule Jazz studieren zu können. Die Initiative „jazz or no“ hat sich zum Ziel gesetzt, die professionelle Jazz-Ausbildung wieder nach Hessen zu holen und setzt sich für die Wiedereinführung eines Studienganges Jazz und Popularmusik in Frankfurt ein. Die Zahl der Unterschriften befindet sich derzeit bei 560. Neben Institutionen der Frankfurter Musikszene haben bekannte Musikerinnen und Musiker aus dem In- und Ausland unterschrieben, um ihrerseits Zeichen zu setzen.

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