Jazz auf Eis

September 14th, 2010 von Jazz or No

Zur Ausbildungssituation junger Jazzmusiker in Frankfurt

Was New Orleans für die Amerikaner ist, das ist Frankfurt für die Hessen: Jazzstadt schlechthin. Als eine der Stadtgrößen gilt zweifellos der Posaunist Albert Mangelsdorff. Der Nachlass  einer der Jazzlegenden Deutschlands wird seit 2005 am Ort seines einstigen Schaffens aufbewahrt – ein Beitrag zum kulturellen Erbe, auf das die Stadt Frankfurt erhobenen Hauptes blickt.

Jazz-Legende Albert Mangelsdorff © schindelbeck.org

In der Jazzgeschichte Deutschlands nimmt Frankfurt seit den 1920er Jahren eine bedeutende Rolle ein. Von 1928 bis 1933 existierte am Dr. Hoch’schen Konservatorium, das seinerzeit den Status einer Musikhochschule hatte, die erste Jazzklasse bundesweit. Zu dieser Zeit ein Skandal. Man befürchtete eine „Verniggerung der Musik”. Doch trotz erheblicher Widerstände durch das herannahende Nazi-Regime stand der künstlerische Leiter des Konservatoriums, Bernhard Sekles, stets hinter den jungen Jazzmusikern. Er fand, etwas Triebhaftes müsse in die Musik hinein, etwas Gelöstes und Freies. Und nicht zuletzt lasse sich mit dieser Art von Musik Geld in der Unterhaltungsbranche verdienen. Nach dem Krieg entwickelte sich allmählich eine Anzahl an Institutionen, die Frankfurt zum inoffiziellen Titel „Jazzhauptstadt der Republik“ verhalfen. Der älteste deutsche Jazzkeller wurde 1952 hier gegründet und das älteste regelmäßig stattfindende Jazzfestival weltweit, das Deutsche Jazzfestival, ein Jahr später ins Leben gerufen.

Heute noch können sich Land und Leute hessenweit mit international herausragenden Jazzmusikern rühmen. Doch die Tage, an denen sich Frankfurt bedenkenlos als Hauptstadt des Jazz bezeichnen durfte, scheinen gezählt. Die alten „Mucker“, die früher die hiesige Jazz-Szene aufmischten, haben oft schon ihren Zenit überschritten. Junge Talente sind rar. Mancherorts fragt man sich, woran das wohl liegen mag? Gibt es zu wenig Anreize für den musikalischen Nachwuchs? Fehlt die Förderung?

Was jedem wohl unweigerlich in den Sinn kommt, wenn er an die Förderung und Weiterentwicklung junger Musiker denkt, ist ein entsprechendes Studium an einer Hochschule. In Frankfurt steht die landesweit einzige staatliche Brutsstätte,  in der das möglich ist:  die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Hier sollte es also auch – so könnte man meinen – einen adäquaten Studiengang geben, der Jazz-Talente fördert und neue Berühmtheiten nachzüchtet, auf die man künftig stolz sein kann. Nicht so in Frankfurt.

"Jazzstadt" Frankfurt am Main

In den 1990er Jahren gab es dort den Aufbau-Studiengang „Jazz- und Popularmusik“ unter der Leitung des bedeutenden Jazz-Vibraphonisten und -Pianisten Professor Karl Berger, der die maßgeblichen Entscheidungen traf. Die Jazzausbildung war umfassend und stieß auf regen Zuspruch. Von vielen Studenten wurde gerade die pädagogische Zusatzqualifikation sehr geschätzt.

Bei Studienantritt hatten die Studierenden zumeist eine klassische Musikausbildung in der Tasche und erweiterten ihren Horizont durch gezielte Exerzitien im Bereich Jazz und Popularmusik. Auf dem vielseitigen Stundenplan standen ein instrumentales Hauptfach, ein Nebenfach, Jazzgeschichte, Methodik und Didaktik, Harmonielehre und Gehörbildung, Ensemblearbeit, Tonstudio, Bigband und Arrangement-Unterricht. Studieren war natürlich kostenfrei – die Finanzierung übernahm großzügig die Hochschule. Bei einer durchschnittlichen Dauer von 4-5 Semestern konnte zum Schluss durch eine Prüfung ein Diplom erworben werden. Eine Umfrage unter damaligen Studenten ergab, dass alle Befragten die Ausbildung im Nachhinein als sehr lohnenswert betrachten. Viele von ihnen wenden heute in ihrem Alltag als Musiker oder Musiklehrer das im Jazz-Studiengang Erlernte häufiger an als das aus dem klassischen Bereich. Manche arbeiten ausschließlich im Bereich Jazz- und Popularmusik.

Soweit so gut. Doch durch das Ausscheiden Professor Bergers im Jahre 2000  veränderte sich die Situation grundlegend. Seine Stelle wurde zwar erneut ausgeschrieben, jedoch nie wieder besetzt, der gesamte Studiengang auf Anordnung der Hochschule eingefroren…Bis  einige Lehrende der Jazz-Abteilung beschlossen, in einer Art Eigeninitiative den so genannten Weiterbildungsstudiengang „Jazz- und Popularmusik“ ins Leben zu rufen. Was war nun anders?

Die jetzigen Teilnehmer sind weder immatrikuliert, noch genießen sie sonstige Vorzüge eines Studentenstatus’, wie beispielsweise ein Semesterticket der Frankfurter Verkehrsbetriebe. Trotzdem kommen viele  von weit her – Teilnehmer aus Köln oder München sind keine Seltenheit –, um den Unterricht in Anspruch  zu nehmen. Die Inhalte sind bis auf ein Minimum geschrumpft. Mit 11 Semesterwochen und einer abgespeckten Form ohne Nebenfach oder pädagogische Inhalte müssen sie sich zufrieden geben. Nach vier Semestern ist der Spaß vorbei. Und das nicht nur, weil die Kosten kaum zu stemmen sind. Schlappe 3000 Euro für 4 Semester muss ein jeder berappen, damit sich der Studiengang  irgendwie von selbst finanziert. Um eine Abschluss-Prüfung kommen sie zwar herum, doch bleibt dafür ein Diplom aus.

Was nahezu gleich geblieben ist, sind die Dozenten. Hier lehren renommierte und international tätige Musiker, wie der Gitarrist Prof. Michael Sagmeister, der Pianist Prof. Christoph Spendel, der Posaunist Allen Jacobson, die Sängerin Annette Marquard oder der Jazz-Geiger Dr. Gerhard Putschögl. Allein in dieser hochkarätigen Besetzung steckt eine Menge ungenutztes Potential. Dass die Jazzausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst nämlich Früchte trägt, ist unverkennbar. Ehemalige und aktuelle Studenten der Hochschule kommen offenbar viel rum – und gewinnen Preise. Gewinnerin des Arbeitsstipendiums Jazz der Stadt Frankfurt 2007 und ihres Zeichens Absolventin des ehemaligen Aufbaustudienganges Jazz- und Popularmusik ist beispielsweise die Pianistin Yelena Jurayeva. In den Folgejahren spielten Sprösslinge der Hochschule in den Gewinner-Ensembles mit.

Ganz Hessen sucht derzeit sichtlich nach sinnvollen Alternativen, um junge Jazzmusiker zu fördern. Neben dem Arbeitsstipendium Jazz, das just eine Preisgelderhöhung durch die Stadt Frankfurt erfuhr oder der Open-Air-Konzertreihe „Jazz im Hof“, unterstützt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, veranstaltet neuerdings auch der Verein „Kultur in der Fabrik e. V.“ das innovative  Projekt „jazzlab“, bei denen Vertreter der „alten Garde“ jeweils eine Nachwuchsformation coachen und sie anschließend bei einem Konzert auf der Bühne präsentieren. Alles sicher sehr lohnenswerte und perspektivenreiche Aktivitäten, um die hessische Jazz Jugend aus ihren Verstecken zu locken.

Wäre es jedoch nicht einfacher, die Jazz-Ableger an der Stelle ausfindig zu machen, an der sie gezüchtet werden könnten? Und zwar an der einzigen Hochschule, in der dies in Hessen möglich ist, nämlich in Frankfurt am Main? Was ist aus der Stadt geworden, in der die erste Jazzklasse Deutschlands für Aufregung sorgte?

Ein Herz für Jazz:

Unterstützen Sie unsere Aktion „jazz or no“

Mit der Initiative „jazz or no“ möchten wir Sie bitten, uns Ihre Stimme für eine Wiedereinrichtung des Studienganges „Jazz- und Popularmusik“ zu geben.

Sie können dies bequem – und falls gewünscht anonym – über das online Formular unter “Unterschiftenliste” auf dieser Seite tun. Dort erhalten Sie auch weitere Informationen zu „jazz or no“, wie z. B. die Stellungnahme der Hochschulleitung zu Bemühungen der Wiedereinrichtung des Studienganges.

Möchten Sie, dass sich Frankfurt wieder zu Recht „Jazzstadt“ nennen kann?

Dann geben Sie uns Ihre Stimme! Denn Jazz geht alle an!

Noch Fragen? Mailen Sie uns: mail [at] jazz-or-no [punkt] de

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1 Kommentar

  1. Frankfurt will den Jazz zurück - New Urban Music Blog Sagt:

    [...] manche machen sich Sorgen um den Nachwuchs. Bereits im September letzten Jahres konnte im Artikel Jazz auf Eis nachgelesen werden, wie es um die aktuelle Ausbildungssituation für Jazz in Frankfurt aktuell [...]